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Filz kann viel

Der Boom Ist vorbei. Vorüber die Zeit, in der ein Filzkurs unter Hobby-Bastlern ebenso zum guten Ton gehörte wie einst die Töpferstunde. Was geblieben ist, ist ein vielseitig einsetzbarer, in der Industrie und zur heimischen Dekoration hochgeschätzter Werkstoff  – und eine gut vernetzte Filzer-Szene, die das Filzen ernsthaft betreibt und mehr Kunst als Handwerk darin sieht.

Wie hätten Sie's denn gern: lieber flauschig-weich oder besser steinhart? Je nach Verarbeitung und Einsatzbereich kann Filz beides sein. Und das Material kann noch mehr: Filz kann isolie-ren und filtern, dämpfen und wärmen, polstern und dichten. Filz ist wasserabweisend, schwer entflammbar und temperaturbeständig. Daher ist es wenig verwunderlich, dass selbst die raffiniertesten Entwicklungen der Kunststoffindustrie es bisher nicht geschafft haben, das Naturprodukt Filz als Werkstoff zu verdrängen. Oft unsichtbar für den Nutzer ist das Material in fast allen Lebensbereichen und Branchen anzutreffen: Beispielsweise benützen die Dental- und die optische Industrie Filzaufsätze zum Polieren und Schleifen, in der Musik wäre ohne Filz kein Paukenschlag möglich und das Klavierspiel würde ohne Filzdämpfer ebenfalls anders klingen, Im Tennis-Sport wäre ohne Filz kein Ball im Spiel. Auch im Fahrzeugbau, in der Orthopädie und in der Metallverarbeitung kommt Filz zum Einsatz. Zu Hause ist er nicht nur von praktischem Nutzen: Unter unseren Möbeln verhindern Filzgleiter, dass der Fußboden zerkratzt wird, und auf dem Tisch ist Filz dekoratives Accessoire zu Glas und Porzellan. Nicht zuletzt fühlt sich das Material sehr angenehm an und kann mit etwas Geschick selbst hergestellt und in kreative Formen gebracht werden.

Diese Eigenschaften waren es wohl, die etwa ab den 1990er Jahren eine wahre Filzerwelle unter Hobby-Bastlern auslösten. In Workshops und Volkshochschulkursen wurde gefilzt, was das Zeug hielt. Und auch der unbeteiligte Beobachter merkte schnell: Es gibt offenbar nur wenig, was sich nicht aus Wollfasern und Seifenlauge herstellen lässt. Nicht nur Klassiker wie Hüte und Pantoffeln entstanden in Hülle und Fülle, auch Schmuck in allen Variationen lässt sich aus Filz herstellen, ebenso Blumenübertöpfe, Deko-"Steine", Schlüsselanhänger, Kettchen fürs Hand, Bucheinbände, Brillenetuis, Dosen und Taschen aller Art vom Kosmetikbeutelchen bis zur Aktenmappe.

Die Mannheimerin Anke Aßmann: von der Architektin zur Filz-Künstlerin

Mitten in diesem Boom hatte auch Anke Aßmann ihre erste persönliche Begegnung mit den bunten Fasern. Als es im Waldorf-Kindergarten darum ging, ein Geschenk für die Erzieherinnen zu basteln, war Elterninitiative gefragt. Aßmann, die als studierte Architektin Filz bis dato nur als Puffer oder Dämmstoff kannte, filzte einen Eierwärmer – und war begeistert. Ich habe gemerkt: Man kann plastisch mit dem Material arbeiten und sogar damit malen." Mittlerweile ist Aßmann seit zehn Jahren hauptberuflich als Filz-Künstlerin tätig und gut vernetzt in der Szene über Verbände wie die International Feltmakers Association oder das Filznetzwerk. Ihr Repertoire reicht von Hüten über Schals und Kleider his hin zu künstlerischen Filz-Bildern. Obwohl die Kurpfälzerin selbst ihr Wissen auch in Kursen weitergibt, ist sie nicht traurig darüber, dass das große Heer der Hobby-Filzer langsam wieder schrumpft. Denn Accessoires wie Halsketten aus Filzbommeln sind vielleicht witzig anzusehen. Dem Material werden sie jedoch nach Meinung von Anke Aßmann nicht gerecht.

Auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Handwerkskunst ist die Mannheimerin bis nach Kirgisien gereist. Ein Land, in dem die Bevölkerung zum Teil bis heute nomadisch lebt und in dem die Filzkunst eine lange Tradition hat. Denn im Gegensatz zu den sesshaften Völkern, bei denen Wolle immer erst gesponnen und dann zum Beispiel verwebt wurde, haben die Nomaden die Wolle ihrer Schafherden direkt verarbeitet: zu Filzdecken, Filzmänteln und vielem mehr. Im Sortiment von Anke Aßmann zeugen einige Teppiche von den Erfahrungen der Künstlerin in Zentralasien.

In Kombination mit Seide entstehen edle Filz-Unikate


Die strengen geometrischen Muster lassen erahnen: Ohne Planung und Geduld geht beim Filzen gar nichts. Man muss viel ausprobieren, aber auch sehr viel rechnen und vor allem ganz exakt arbeiten", verrät Anke Aßmann. Das gilt auch und besonders für die Kleidungsstücke, die sie herstellt. Zum Beispiel die grüne Jacke aus Nunofilz, die die Künstlerin selbst trägt. Beim Nunofilzen, einer Technik, die ursprünglich aus Japan stammt, wird die Wolle auf Seide oder anderes Gewebe ausgefilzt. Schrumpft die Wolle beim Walken, zieht sich auch der Stoff zusammen und es entsteht ein interessanter "Krumpel"-Effekt. Aus langjähriger Erfahrung weiß Aßmann, wie groß sie ein Kleidungsstück anlegen muss, damit es später, nach dem Einschrumpeln, gut sitzt.

Fast alle ihre Kreationen stellt die Designerin her, ohne ein einziges Mal zu Nadel und Faden zu greifen. Den Filz betrachtet Sie als eigenständiges Material und möchte damit nichts nachmachen, was auch aus Stoff hergestellt werden könnte. Auch ihre grüne Jacke besteht aus einem Stück: Ärmel, Rückenteil, Kragen – nichts ist genäht, alles gefilzt. Die so entstehenden Unikate haben freilich ihren Preis – aber auch ihre Liebhaber. Und so ist Anke Aßmmm nach eigenem Bekunden auch nach dem Ende des Filz-Booms gut im Geschäft. Ihren Kunden ist der direkte Kontakt zur Designerin wichtig – sei es auf den Kunsthandwerkermärkten, auf denen die Mannheimerin ihre Ware zeigt, oder im Atelier in der Schwetzinger Vorstadt, wo sie Kleidungsstücke sozusagen maßfilzt. Und auch für die Gewissheit, garantiert ein Einzelstück und ein reines Naturprodukt zu erwerben, greifen viele Leute trotz Krisenzeiten auch mal tiefer in die Tasche.

Text: Nicole Pollakowsky, UbiBene

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